kettcar - du und wieviel von deinen Freunden

Veröffentlicht am: 28. Oktober 2002

Tonträger

Tracklist

1.    Volle Distanz
2.    Ausgetrunken
3.   Money left to burn
4.   Wäre er echt
5.    Landungsbrücken raus
6.    Balkon gegenüber
7.    Jenseits der Bikinilinie
8.    Lattenmessen
9.    Im Taxi weinen
10.  Hiersein
11.  Ich Danke der Academy

Medien

Beschreibung

Reimer Bustorff unterhält sich angestrengt, wild, auf einer halbwichtigen Party mit drei Menschen gleichzeitig.
„Die Musik“, schreit er immer wieder. „Die Musik.“ Die Gegenargumente enthalten Wörter wie „aber... “ und „doch nicht mehr in diesen Zeiten...“, und Bustorff schreit weiter: „Die Musik! Die Musik! Ja, wenn das so ist, dann komm doch. Du und wieviel von deinen Freunden?“ Die Leute gehen weg und Bustorff steht da. Die fröhliche Faust. Sicher eine andere Welt in den Staub geschickt.

Ich spul noch mal zurück, und es passiert mir noch einmal

Das ist die Abwesenheit von Mode. Die Abwesenheit von Sexyness, die aber, anders als es die Werbewirtschaft und Brooklyn Bounce es geplant haben, eh in die eigenen Wände oder auf den Parkplatz gehört. Das ist Abwesenheit von dem, wovon Major Labels denken, dass sie damit Platten verkaufen könnten. Das ist „Du und wie viele von deinen Medien Partnern?“ - lachen hinter vorgehaltener Hand. „Kettcar“, das ist die erste Halbe Stunde von „Taxidriver“. Das ist das, was in 40 Jahren in einem irgendwie gearteten Digital-Museum hängen wird. Irgendwo in dem Raum neben T.S.S. und T.S.O.O.L. und irgendwas aus Anderem. Das ist kein von Bertelsmann angesprochenes Käufersegment. Das ist die Träne im Auge am letzten Spieltag der Saison, wenn die Mannschaft einläuft. „Kettcar“, das ist der Grosse, der dir zuhört und dann sagt: „Kannst du nichts machen. Kannst aber versuchen. Kann ich dir ein bisschen bei helfen.“ Da draußen ist eine Hoffnung. Der Name des betrunkenen Hundes neben der alten Dame sei „Kettcar“

The Chronik. Aber ohne Doktor Dre jetzt


Wenn „...but alive“ die Nachrichten waren (und wer kann noch 80% der Lieder von „...but alive“ hören ohne rot zu werden?), dann sind „Kettcar“ die Chronik. Die Aufzeichnungen von dem was passiert und passiert ist. An Dir, um Dich, mit denen. Die Aufzeichnungen von dem, was passiert, wenn du ein bisschen schlechter gelaunt bist, als die anderen. Von dem was passiert, wenn die Bauern in die Großstadt ziehen. Von dem was Dennis Becker of Tomte „Dispo gleich Disko.“ nennt.


Der Tag an dem wir uns „we´re gonna live forever“ auf die Oberschenkel tätowieren“


Mein Gott, Kettcar ist „Moonriver, wider than a mile“. „Und das Leben, das du kanntest, das leben war vorbei, würde sagen: alle glück gehabt,(...) das ist dein allerletzter Trost“, bei „wäre er echt “. Es ist „and nothing ever happens, nothing happens at all“. „Was man noch hat, aber trotzdem vermisst. (...) die Geschwindigkeit mit der du aufbrichst, als müsstest du dich beeilen und die Welt neu verteilen.“, bei „Jenseits der Bikinilinie“.

Nach all den ganzen Jahren hat sich durch jahrelange Nähe und jahrelange Nächte eines der besten und schönsten Songschreiber Paare getroffen, die man bisher erleben durfte. Bustorff und Wiebusch schreiben zusammen, alleine, aber in einer funktionierenden, in sich greifenden Harmonie, die wärmt und zwängt. Dahin wo man manchmal hinmuss, auch wenn man nicht will.

Sweet and Tender Rockmusik
Es gibt wenige Musiker, die besser werden mit den Jahren. Sehr wenige, jedenfalls von denen wir wissen. Kennen wir sie nicht, weil sie es nicht schaffen durchzuhalten, bis zu dem Punkt, an dem sie wissen, dass das, was sie machen, Bestand hat. Das es bleibt! Das eine Reise dort angekommen ist, wo man immer hin wollte.
Das ist das Ende der Lehre. Ab jetzt Arbeit, ab arbeiten. Let there be Wiebusch. Und weg mit den Anzugspunks.

Rocco Clein führte neulich eine Liste der zehn besten Debut Alben auf. Hier ist eine neue für die Liste. „ Du und wie viel von deinen Freunden“ (der Schreibfehler ist übrigens richtig. Prollig und gewaltbereit, sie wissen schon, das alte Hafen Ding)
bombt sich so dermaßen in die Musiklandschaft. Musik, die schon da war, aber die noch gemacht werden musste. Jemand der sich traut, um das Wort „auserkoren“ zu vermeiden. Wie damals „ Meat is Murder“, wie damals die erste Weezer, wie „Definetly Maybe“. Andere Baustellen, aber wie differenziert man zwischen der Geilheit des Empire State Buildings und des Chile Hauses in Hamburg (ein Bild finden sie unter www.ghvc.de). Auch andere Mütter haben schöne Söhne, die sogar trinkfest sind. Auch andere schlechte Tage gehen zu Ende.
Es ist eines der schönsten Alben, welches das heiße Viereck zwischen angestrengtem Durchhalten, inneren emotionalen Slums, der Schönheit des Tresens und der perfiden Genauigkeit der nächsten kommenden Katastrophe beschreibt.
Diese Band ist mein zu Hause. Es ist eine gute Wohnung. Hier möchte ich bleiben. Ich möchte sie einladen. Hier ist noch viel aufzuräumen.