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kettcar - Du und wieviel von deinen Freunden - 10 Jahre Deluxe Edition

kettcar - Du und wieviel von deinen Freunden - 10 Jahre Deluxe Edition

Label: Grand Hotel van Cleef
VÖ: 02. November 2012

Tracklist

CD:

CD 1
  1.  Volle Distanz
  2.  Ausgetrunken
  3.  Money Left To Burn
  4.  Wäre er echt
  5.  Landungsbrücken raus
  6.  Balkon gegenüber
  7.  Jenseits der Bikinilinie
  8.  Lattenmessen
  9.  Im Taxi weinen
10.  Hiersein
11.  Ich danke der Academy

CD 2
1. Landungsbrücken raus - 2001er Version
2. Jenseits der Bbikinilinie - 2001er Version 
3. Balkon gegenüber - 2001er Version
4. Volle Distanz - 2001er Version 
5. Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt
6. Ausgetrunken - EP Version
7. Wäre er echt - EP Version 
8. Hauptsache glauben - EP Version 
9. Genauer betrachtet - EP Version

LP:

LP 1
1.  Volle Distanz
2.  Ausgetrunken
3.  Money Left To Burn
4.  Wäre er echt
5.  Landungsbrücken raus
6.  Balkon gegenüber
7.  Jenseits der Bikinilinie
8.  Lattenmessen
9.  Im Taxi weinen

10.  Hiersein
11.  Ich danke der Academy
12.  Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt

LP 2
1. Landungsbrücken raus - 2001er Version
2. Jenseits der Bbikinilinie - 2001er Version 
3. Balkon gegenüber - 2001er Version
4. Volle Distanz - 2001er Version 
5. Ausgetrunken - EP Version
6. Wäre er echt - EP Version 
7. Hauptsache glauben - EP Version 
8. Genauer betrachtet - EP Version


Medien

“We need a record of our failures

we must document our love”

(Bright Eyes – Method Acting)

„Was sollen denn diese ganzen Versionen der Songs?“

„Ach, das ist nur die Geschichte unseres Scheiterns.“

Rückblickend kommt es mir so vor, als wären wir 2001 rund um die Uhr im Studio gewesen. Diese 8 Versionen der Bonus-CD („Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt“ muss man ein bisschen gesondert betrachten) wurden alle 2001 aufgenommen in der verzweifelten Hoffnung, dass irgendwer das doch herausbringen könnte (dass das dann niemand tat, ist die Geschichte des Grand Hotel van Cleefs). Chronologisch verhielt es sich folgendermaßen:

Zunächst nahmen wir die Songs Ausgetrunken, Hauptsache Glauben, Genauer betrachtet (der erste Song, den kettcar überhaupt geschrieben haben) und Wäre er echt im Proberaum selber auf. Allmachtsfantasie. Wir können alles. Nun ja: Die Ergebnisse dieser Proberaum-Aufnahmen wurden zügig vernichtet, und Swen Meyer wurde kontaktiert mit der Anfrage, ob er sich vorstellen könnte, diese 4 Songs im M.O.B. Studio neu zu produzieren. Gesagt, getan. Und das Ergebnis war dann Ende Februar 2001 die 4-Song-EP „So lang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende“. Auf der Bonus-CD sind das die Songs 6 bis 9.

Die EP wurde als Free-Download zur Verfügung gestellt, die nächsten Songs wurden geschrieben, die ersten Konzerte im Vorprogramm von Tomte wurden gespielt, die EP wurde auf den Konzerten gratis zum Eintritt dazugegeben, die Sache kam ins Laufen. Aber keiner wollte die Platte herausbringen.

Im Sommer 2001 begaben wir uns nochmal ins M.O.B Studio und nahmen Landungsbrücken raus in der 5:25-Version auf. Rumgeschickt. Keine Reaktion.„Ihr müsst den Song mit der Milch (gemeint war Jenseits der Bikinilinie) ordentlich produzieren und dann rumschicken.“

Ab ins Studio (das Geld wurde jetzt wirklich knapp, alles, was an Gagen bei Tourneen reinkam, wurde in Studiokosten investiert und langte trotzdem nicht) und Jenseits der Bikinilinie und – wo wir gerade da sind – Balkon gegenüber aufgenommen. Rumgeschickt. Keine Reaktion.

A record of our failures.

Marcus Wiebusch, September 2012


PS: Im Frühjahr 2002 gründeten wir dann das Grand Hotel und nahmen „Du und wieviel von deinen Freunden auf“.

PPS: Die Version zu Volle Distanz wurde im Proberaum Ende 2001 aufgenommen, aber nicht mehr rumgeschickt.

PPPS: Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt wurde 2002 in der Zeit der Studio-Aufnahmen zu „Du und wieviel von deinen Freunden“ in Franks Wohnzimmer aufgenommen.

Aufs Ganze gegangen

Eine Wahl wie zwischen Pest und Cholera: Hier der zunehmend versteinernde deutsche Punk mit seinen Parolenhülsen, der außer gutem Willen künstlerisch und ideologisch nicht mehr viel zu bieten hat. Dort Diskurspop und Hamburger Schule, wo verkopfte Unverbindlichkeit und codierte, gerne auch exklusive Stilfragen regieren. Dazwischen das große Nichts: Gitarrendeutschland sieht wirklich trist aus am Anfang des Jahrtausends.

Doch dann kommen kettcar, und alles wird anders. Wie ein genialer Mittelfeldspieler (Thomas Meggle, anyone?) stößt diese Band in die Lücken, die kein anderer sieht, und verbindet so das Beste der beiden Welten: Überzeugung und Anspruch. Und kettcars Debütalbum stellt nicht zaghaft den Fuß in die Tür. Nein, hier macht sich jemand richtig breit und lässt sich häuslich nieder. "Du und wieviel von deinen Freunden" ist ein Ausrufezeichen in Schriftgröße 72 und ebnet den Weg für nicht wenige Bands, die sich in den folgenden Jahren daran machen, mit deutschen Texten als Steigeisen die Zugspitze namens Popmusik zu erklimmen.

Siehe etwa "Lattenmessen", wo man deutlich die Nachwirkungen einer Sozialisation in der Politszene spürt, wo Diskussionen gerne in Gepose ausarten und Meinungen mit Kriegsabzeichen verwechselt werden. Oder das Fernglas-Melodram "Balkon gegenüber", wo die Band ihre Fähigkeit zum Storytelling, die auf späteren Platten noch stärker zum Ausdruck kommt, das erste Mal mit voller Wucht unter Beweis stellt. Nicht zu vergessen "Landungsbrücken raus". Die Melancholie, das Suchende, die Geborgenheit, die sich wie eine Welle immer wieder aufbaut und dann zusammensackt. Momente der Größe, Tiefe und Schwere, die die eher dunkle Grundfärbung dieser Platte einfangen und betonen, ohne dass Marcus Wiebusch auch nur einmal seine Stimme erheben müsste. Ein Musterbeispiel für einen gelungenen Popsong: so viel Bedeutung, die in so wenig Tönen steckt.

Ein Album, das auch zehn Jahre später noch anspricht – weil es einen eben nicht anspringt. Weil offene Fragen bleiben, weil auch beim hundertsten Hören immer noch nicht alles entschlüsselt und verstanden ist. Wobei es oft auch nicht ums Verstehen, sondern vielmehr ums Empfinden geht. Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff sind wahrscheinlich die einzigen, die bei jeder ihrer Zeilen, jedem Wort, jedem Gedankenstrich wissen, was das bedeutet und wie das gemeint ist. Der Rest darf teilhaben an einer Kamerafahrt durchs Leben, mal scharf, mal verschwommen. Die von der Vogel- in die Froschperspektive wechselt. Vom Zoom zum Fischauge.

Was Marcus Wiebusch, Reimer Bustorff, Erik Langer, Lars Wiebusch und Frank Tirado-Rosales hier abliefern, ist das "Monarchie und Alltag" des neuen Jahrtausends, ein umwerfender Neueinsteiger im (zugegeben bislang eher überschaubaren) Klassikerregal der deutschen Popmusik. Persönlich, aber nicht peinlich. Intim, aber nicht aufdringlich. Offen, aber nicht voyeuristisch. Dabei – und das ist die große Kunst – entstehen keine wohlfeilen Miniaturen, kein Drei-Minuten-Nippes für den emotionalen Setzkasten. kettcar gehen aufs Ganze, eine Nummer kleiner ist keine Option für diese Band, die Lust auf richtig große Songs hat. Hier gibt es elf Stück davon.

Eine Platte für mich. Für dich. Und für alle deine Freunde. 

Ingo Neumayer, September 2012

Erhältlich als:

- Doppel CD im 8 seitigen Digipack mit 9 teils unveröffentlichten Songs, 2 Booklets + Aufkleber

- 180g Doppel LP mit 8 teils unveröffentlichten Songs, Poster + Downloadcode