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Herrenmagazin - Sippenhaft

Herrenmagazin - Sippenhaft

Label: Grand Hotel van Cleef
VÖ: 07. August 2015

Tracklist

01. Ehrenwort
02. Halbes Herz
03. Alles so bekannt
04. Sippenhaft
05. Gärten
06. Zum Teufel
07. Reißt mich zusammen
08. Wir bluten aus
09. Käferlicht
10. Zwischen den Tälern
11. Bis du mir glaubst

Bonus 7''
01. Baustelle
02. Über den Dingen





Als ich vom freien Leben sprach.
Denn bei jedem kleinen Schritt
Beurteilst du die Dinge mit.
Mit diesen Worten beginnt der Titelsong des neuen Herrenmagazin-Albums „Sippenhaft“. Es sind gewohnt klare, unverfälschte, wunderbar doppeldeutige Worte.Sie könnten eine Beziehung meinen, vielleicht auch eine Freundschaft. Tatsächlich meinen sie etwas anderes: Die Aufarbeitung und Aufrechnung mit der eigenen Herkunft. Es geht um das Erbe, das jedem von uns auferlegt wird, indem er in etwas hineingeboren wurde, für das er nichts kann, das aber trotzdem seinen gesamten Lebensweg bestimmen wird. Eben: die Sippenhaft. Gefangen in Verwandtschaft, in dem Konstrukt 'Familie' mit all seinen moralischen und ethischen Traditionen, Bürden, Ver- und Überwerfungen. Das sich anschließende Leben: ein einziges Freistrampeln davon, ein Suchen – bestenfalls Finden – der individuellen, selbst empfundenen Würde und gelebten Werte, anstatt sich zu arrangieren und einfach weiter zu existieren in dem, was einem vorgelebt wird.
„Sippenhaft“ ist das vierte Album von Herrenmagazin, mit dessen Erscheinen auch nicht unbedingt zu rechnen war. Denn, wie Sänger/Gitarrist Deniz Jaspersen während eines Interviews zum Vorgänger „Das Ergebnis wäre Stille“ meinte: „Es ist sehr wichtig und gut, Musik zu machen, kreativ zu sein. Und doch muss man sich im heutigen Klima der Musikbranche und bei dem Status einer Band wie Herrenmagazin die ehrliche Sinnfrage stellen. Man macht das alles ja nicht nur aus Spaß an der Freude oder als ambitioniertes Hobby. Wenn man derart viel Herz und Leidenschaft in etwas investiert, muss man darin auch eine langfristige Perspektive sehen können.
Oder zumindest eine innere Dringlichkeit spüren, weiter zu machen, etwas auszuformulieren, das in einem brennt.“
Dieses Brennen überträgt sich nun mit „Sippenhaft“. Es ist ja kein willkürlich gewähltes Thema, von dem man dachte: viele Ebenen, viele Ansätze, da kann man bestimmt gute Texte drauf schreiben. Es ist, gerade im Zusammenhang mit Jaspersens sinnieren über Musik und ihren heutigen Wert, ein akutes, sein Leben unmittelbar berührendes Thema. „Ich bin in einer Familie groß geworden, die sehr von Ehrgeiz geprägt ist. Dadurch ist ein großer Konkurrenzdruck entstanden. Wirklich frei ist man dabei nie.“

Es ist damit nicht zu hoch gegriffen, wenn man sagt, dass das neue Herrenmagazin-Album in seinem Kern und konzeptionellen Überbau zutiefst existenziell für seine Akteure ist. Denn der Spross einer erfolgsverwöhnten Familie zu sein, kann ebenso zur Lebenslast gerinnen, als wenn man vermeintlich chancenlos im sozialen Brennpunkt aufwächst. Gerade als Künstler, Musiker und damit den Familientraditionen gegenüber Unangepasster gerät man schnell in Bringschuld und Beweispflicht, da kann man noch so tolerante Eltern haben. Denn auch sie leben in den Zwängen der Sippe, in einer konstanten Rechtfertigungsnotwendigkeit, was aus der eigenen Brut wird. Nicht nur anderen, sondern ebenso sich selbst gegenüber.„Wir wachsen auf, indem wir das Umfeld, das unsere Eltern uns vererben, erkennen,annehmen, ablehnen und neu definieren“, so Jaspersen. „Es ist ein Spiel mit denGegebenheiten; es ist bitterer Ernst – und lautlos verschiebt sich die Welt, bis wir erkennen, dass wir begonnen haben, eine Generation der Eltern zu sein. Also wechseln wir die Seiten.“

Manch einer mag nun denken: Wo ist der Punkt? Ist es nicht ein wenig plakativ,prätentiös, letztlich gar bigott, dass jemand, dem es so gut geht und die Chance hat,seiner musikalischen Leidenschaft Gestalt zu geben, seit nunmehr zehn Jahren mit seiner Band Deutschlands Club-Bühnen zu bereichern, um sich jetzt über all das zu echauffieren, damit man ein fundiertes Thema zur nächsten Platte hat? Wer so denkt, hat nichts verstanden – und, das wagen wir an dieser Stelle zu behaupten,sich mit der Situation seiner eigenen Sippenhaft bislang nie richtig auseinandergesetzt. Denn wer dies tut, wird immer, IMMER auf Konflikte stoßen. Nicht jene im Clinch mit seinen Eltern oder der Frage nach der Emanzipierung von ihnen, sondern in einem selbst. Das kostet Mut, sicher, auch Geduld und Schmerz. Aber nur das bringt einen voran. Noch einmal Deniz: „Während ich aufgewachsen bin, habe ich permanent einen sehr hohen Konkurrenzdruck verspürt, der bis heute auch Antrieb für mich ist und der dafür sorgt, dass ich nie zufrieden bin. Das ist gut und schlecht –Zufriedenheit macht ja dick, aber auf der anderen Seite kann man ja auch oft nicht genießen, was man erreicht hat, und kommt sich immer schlecht und ungenügend vor.“

Auch deshalb fanden Jaspersen, König Wilhelmsburg (Gitarre), Paul Konopacka (Bass) und Rasmus Engler (Drums) ihren Platz und – auch wenn es etwas esoterisch klingt – ihr Seelenheil im letzten Jahrzehnt in Musik und Herrenmagazin. „Der Prozess des Schreibens, der ist so nah an einem selbst, und der Moment des Musikmachens, da sind wir – obwohl es auch immer eine Inszenierung ist, darüber bin ich mir im Klaren – da sind wir doch am nächsten an uns. Das ist der Raum, wo wir uns am wohlsten fühlen. Klingt mega-abgedroschen, aber ist so.“ Nimmt man dieses Zitat her und verknüpft es mit dem Geist und den Gedanken dieses Albums, sieht man die Bedeutung, die mit dieser Platte transportiert wird. Es ist so verdammt noch mal mehr als nur das nächste Album. Es ist die Standortbestimmung von vier Männern, die mit diesem kreativen Output überhaupt erst ihr Recht auf Kreativität, auf ein Leben in der – vor allem finanziellen – Unstetigkeit der Musik formulieren und behaupten. Es berührt damit den Urknall ihrer Selbstwerdung und skizziert in zahllosen Bildern das daraus entstandene und weiter entstehende Universum ihres ganz individuellen Ichs.

Langsam dürfte dem Leser deutlich werden, welch innerer Druck zur unbedingten Wahrhaftigkeit diesem Album innewohnt. Eine Wahrhaftigkeit, die vermutlich noch tiefer reicht als die Liebe. Weil es dabei um die Liebe zu sich selbst, zu seinen Ambitionen, Antrieben, Wünschen, Sehnsüchten, letztlich seiner Selbstverwirklichung geht. Mithin um die eigene Existenz. Eruptiver kann ein Thema nicht sein. Ursprünglicher. Und auch härter. Es ist zutiefst beachtlich, wie es Herrenmagazin gelingt, diese Auseinandersetzung in Songs und Textzeilen zu formen, die betrachten und auch analysieren, aber nicht werten wollen. Die den Gegebenheiten Kontur verleihen und die daraus resultierenden Fragen mit messerscharfer Präzision zunächst stellen und dann für sich beantworten. Das beeindruckende dabei: Man findet kaum Bitterkeit, geschweige denn Resignation. Man spürt Hoffnung, hört Optimismus, vertraut der Objektivität der Analyse. Womit man sich auch als Hörer unmittelbar in den Zeilen erkennen kann, ungeachtet seiner Herkunft. Denn da Thema von Herkunft und Familie ist ebenso individuell wie universell. Ein so charmant wie präzise ausformulierter Balanceakt, den so wohl nicht viele Bands hinbekämen. Und wenn man dann die letzten Textzeilen des Albums hört...
Ich treib´ die Lüge auf die Spitze.
Dort dreht sie um und sieht mich an.
Und fragt wohin? Wie geht es weiter?
Und ich sag: „ganz zurück zum Anfang“.
...dann erkennt man, wie groß und schwer und berührend es für Herrenmagazin gewesen sein muss, diese Platte aufzunehmen. Mit Texten voller Wahrheit und einer Musik, in der die Melancholie ein ebenso bedeutendes Zuhause findet wie die Freude an unglaublich pointierten Pop-Songs, die nicht mitzusingen einer exorbitanten Herausforderung gleichkommt.
Das neue Album von Herrenmagazin heißt "Sippenhaft" und erscheint am 7. August 2015 auf Grand Hotel van Cleef. Das Album erscheint als CD, LP mit Downloadcode sowie als digitaler Download.