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Der Herr Polaris - Mehr innen als außen

Der Herr Polaris - Mehr innen als außen

Label: Grand Hotel van Cleef
VÖ: 29. Juli 2016

Tracklist

01. Bier Meiner Jugend
02. Mehrere Leben Führen
03. Uns Verbindet
04. Ich Komm Mit
05. Herzschläge
06. Hinterfragen
07. Deine Wege
08. Durchatmen
09. Mehr Innen Als Außen
10. In Anlehnung An

Medien

Geschätzter Leser, Willkommen in der begleitenden Produktinformation zu „Mehr innen als außen“, dem zweiten Album des Herren Polaris und zugleich das Erste, welches der Augsburger auf seinem erklärten  Lieblingslabel veröffentlichen kann. Womit jetzt also zusammenkam, was offenbar zusammen gehörte. Und das nicht nur, weil Bruno Tenschert, wie der Herr Polaris abseits der Bühne heißt, schon als Musikkonsument das Label und seine Künstler enorm schätzte – „spätestens seit Tomtes 'Hinter all diesen Fenstern' bin ich  Fanboy“, lacht er. Und ergänzt, dass auch die damalige Lizenzierung des Debütalbums von Death Cab for Cutie fürs Grand Hotel, ihm komplett neue Horizonte eröffnet hätte. „Ich glaube, ihnen ist gar nicht bewusst, was das damals mit den deutschen Songwritern gemacht und welchen Einfluss das auf sie genommen hat“, sagt er. Nun: Hört man sich Tenscherts Idee von zugänglicher, dabei aber gern auch lustvoll versponnener,  mal ätherisch schwebender und dann wieder lustvoll polternder, allemal stets eigenwillig zu Ende gedachter Musik mit deutschen Texten an, ist es kein kompletter Zufall, dass gerade diese beiden GHvC-Bands eben zur Sprache kamen.

Womit wir zu der eigentlichen Problematik dieser Zeilen kommen: Sie sollen Information sein, Erklärbär und bestenfalls Stimmungsmacher für die Platte. Das ist Wesen und Aufgabe. Was aber, wenn sie begleitend zu einem Album stehen, dem man mit nackten Infos ebenso wenig beikommen kann, wie mit blumigen Wortkapriolen über die besondere Magie, die in der Zurücknahme und Konzentration steckt? Im Prinzip ist die Sache klar: Mit „Mehr innen als außen“ liefert der Herr Polaris eine Platte voller melancholisch-sehnsüchtiger Kleinoden, die man in ihrer klar akzentuierten Schlichtheit und textlichen Genauigkeit sofort aufzunehmen meint, dabei aber nach und nach so viele Subtexte und Nuancen entdeckt, dass man besser gar nicht erst von einer weiteren Indie- oder NeoFolk-Entdeckung zu sprechen beginnt. Dann könnte selbst die Grundinformation, dass der Herr Polaris häufig alleine, zunächst meist akustisch und im weiteren Verlauf dann punktgenau mit waidwund knarzenden und schrappenden Vintage-Klangmachern arbeitet, mächtig in die Irre führen. Dann könnte man ihn ebenso schnell für einen weiteren neuen deutschen Songwriter halten, der mit traurigem Blick und gedämpfter Stimme in Prä-Smartphone-Nostalgie schwelgt und den postmodernen First World-Beziehungsproblems größtmögliche Melodramatik abringt; one for the show und one für den besonderen Tränenzieher-Moment sozusagen. Kommt doch immer gut bei Songwritern heutzutage. Bei dem Herrn Polaris könnte man mit solchen Pauschalismen kaum falscher liegen.

Umso mehr freute sich Bruno Tenschert über den Vorschlag, ihn in diesem Begleittext also Liedermacher zu nennen, mit etwas mutwilliger Dehnung vielleicht auch Chansonnier mit lockerem Wohnzimmerstudio-Ambiente. „Nicht weil ich mich von anderen Songwritern krampfhaft abgrenzen möchte“, sagt er, „sondern weil mit dem Singer-/Songwriter-Stempel gleich so viele klangliche und inhaltliche Trademarks mitschwingen, die ich nun gerade zu vermeiden versuche. Ich bin zum Beispiel kein Storyteller, wie das die Troubadoure des Folk nun mal machen. Ich suche stattdessen nach möglichst einfachen, klaren, kurzen Zeilen, um eine bestimmte zwischenmenschliche Konstellation zu beschreiben, die letztlich jeder kennt – damit auch jeder sich auf seine Weise damit verbinden kann, ungeachtet seiner konkreten Problemstellung. Es fühlt sich für mich so aufrichtiger und damit viel richtiger an.“

Gilt nicht minder für seine Musik: Sie ist in gleicher Weise schlicht und komplex, einladend und warm, aber ebenso ungewöhnlich und herausfordernd, unkonventionell zu Ende gedacht, aber trotzdem auf den entscheidenden ersten Blick einladend zutraulich. Die meisten Songs von Herrn Polaris kommen mit wenigen Einzelzutaten daher und durchliefen eine ganze Reihe von Stadien. Manche Songs existieren sogar in drei komplett unterschiedlichen Versionen, bevor Bruno Tenschert die Gewissheit bekam, dass er ihre jeweilige Essenz gefunden und formuliert hat. Wobei 'Essenz' nicht zwingend 'minimalistisch' meint. Im Gegenteil: Je nach Song und seinem Thema dürfen im Hintergrund auch gern unterschwellige Klangtexturen ätherisch durch die Räume mäandern oder lustvoll unkontrolliert kurz nach vorne toben – hauptsache sie verändern nicht das Wesen eines Stücks. Und seinen Grundcharakter zwischen dem Lebensrealismus eines Mittdreißigers und seinem niemals endenden Mut zaghafter Hoffnung, dass sich auch die traurigen Momente und Begebenheiten irgendwann in Glück verwandeln. Um die Aufrichtigkeit und Integrität dieses Wesenskerns kämpft Bruno bei jedem Stück, wie eine Löwenmutter um ihr Junges. Und wenn es eben manchmal Jahre braucht, bis ein Lied konturscharf und perfekt sitzend ausformuliert wurde.

Auf diesem Weg gebe es viele Künstler, die er sich zur Inspiration heranziehe, erklärt Bruno. Doch einer sticht dabei heraus: Beck. „Ich war immer beeindruckt davon, wie es ihm gelingt, auch seine sehr folkigen Platten mit einigen wenigen Mitteln so zu gestalten, dass sie voll und ganz nach einer Beck-Platte klingen. Diese Handschrift für jeden Song zu formulieren und zu finden, ist der Prozess, der für mich am langwierigsten, aber auch existenziellsten ist“, sagt er. „Zumal man es kaum beeinflussen kann. Man kann nur machen und tun und dabei beobachten, was passiert. Mit dem Song und mir selbst – und wie richtig sich das dann anfühlt. Zum Glück gibt es meistens nicht nur den einen richtigen Weg, sondern viele. Man muss sie allerdings unterscheiden können.“

So ist etwa die, für eine solche Platte eher ungewöhnliche, Grundinstriumentierung aus Gitarre, alten Keyboards, dezentem Schlagwerk, Vibraphon und Flügelhorn keine von langer Hand entwickelte Vision einer Klangästhetik, sondern „schlicht die Folge dessen, dass wir eben genau diese Besetzung bei den Proben hatten, als ich anfing, Songs für das neue Album zu schreiben“, erzählt er. „Es gab da also diese Ausgangssituation, mit der sich hervorragend spielen ließ und dabei kamen mir viele Ideen, die ich ohne diese Voraussetzungen niemals gehabt hätte.“ Bruno Tenschert betrachtete die Gegebenheiten in aller Ruhe, ergänzte und nahm wieder raus,arrangierte einen Song mal als angriffslustigen Indierocker, dann als zaghaft dahin getupfte Piano-Ballade – um am Ende ein Album zu erreichen, das sehr homogen wirkt, obwohl am Ende jeder Song einen unverwechselbaren Klang-Charakter trägt. Des Herrn Polaris’ Annahme dabei: Eine erst einmal formulierte, eigene Sprache kann eben unzählig viele Dialekte annehmen – das dabei Gesagte wird man trotzdem immer verstehen. Was das Spielen mit Nuancen, Akzenten und ausformulierten Eigenheiten angeht, ist Bruno Tenschert ein echter Sprachgigant, der selbst die große Kunst von Verknappung und Verdichtung ausgezeichnet beherrscht. Was man schon daran sieht, dass er gleich eine ganze Reihe an Liedern um die Zwei-Minuten-Marke anbietet, in denen aber bereits Alles gesagt ist. „Ich mag eben Songs, die sehr kurz und trotzdem sehr rund und komplett und in sich zu Ende erzählt sind“, sagt er. „Das ist zwar oft nicht gerade der einfachste oder kürzeste, aber plausibelste Weg für mich.“

Zeit für die Entwicklung besaß Tenschert bei diesem Album mehr als ausreichend. Denn der Traum vom Profi-Musiker wurde zum Ende der Nullerjahre längst ausgeträumt als sich Tenscherts damalige Formation Die Herren Polaris auflösten und seine Mitstreiter auf Vernunft, Familienplanung und monatliche Gehaltsabrechnungen setzten. Auch Tenschert fand einen erfüllenden Job als Streetworker mit Jugendlichen, den er auch jetzt noch betreibt. Die Musik aber ließ ihn nicht los – und wird sie, so weiß er inzwischen, auch niemals tun: „Nur durch die Musik gelingt es mir, so viel Freude an meiner Arbeit zu haben und ohne die Arbeit könnte ich nicht so Musik machen, wie ich das möchte. Diese zwei Welten werden bei mir immer koexistieren, sonst würde ich defintiv eingehen. Sie haben zwar so gut wie nichts miteinander zu tun, aber sie bedingen sich trotzdem wechselseitig.“

Wechselseitig ist auch seine Musikersituation in Augsburg: Mit ein paar Freunden schuf er sich dort einen Platz für ihre kreative Welten: Das Albert Matong Atelier für Musik, das praktischerweise direkt über dem Studio seines „Geschmackspolizisten und persönlichen Stilberaters“ Michael Kamm liegt. Kamm produzierte schon Tenscherts erstes Solo-Album „Drehen und Wenden“ und ist ihm bis heute der erste und auch unverblümteste Rückmelder auf alles, was der Herr Polaris so schreibt und tut. „Ganz ehrlich: Ohne Michael gäbe es den Herrn Polaris so nicht“, sagt Tenschert. „Und das, obwohl ich ihn manchmal in der Luft zerreißen könnte, wenn er wieder eine frische Idee, die ich total super finde, mit einem knappen Satz abwatscht und ich sie in die Tonne treten kann.“

Nun, Ehrlichkeit tut manchmal weh, ist aber unverzichtbar auf einer künstlerischen Reise, die zu einem ganz konkreten Kern vordringen will. Darum geht es dem Herrn Polaris mehr als alles andere und aus diesem Grund macht er weiter mit der Musik: um etwas zu veröffentlichen, das man in Ausgestaltung und seinem ganzen Wesen als etwas erkennt, das Relevanz besitzt und Dringlichkeit atmet. Dass ein Musiker mit einem solch klaren und unverhandelbaren Ansatz, befreit von allen Rockstar-Träumen und dafür umso bereiter für die echte Kunst des Liedermachens, jenseits der ausgelatschten Trampelpfade des Radio-Folkfutters beim Grand Hotel gelandet ist, scheint fast folgerichtig. Denn hier ist  Der Herr Polaris in bester Gesellschaft. „Das ist für mich ehrlich gesagt jetzt schon der größte Erfolg, den ich mit dieser Platte haben kann“, lacht Bruno, „dass sie beim perfekten Label erscheint. Alles Weitere ist eine Bonusrunde.“ Eine Bonusrunde derweil, der wir nur zu gerne lauschen werden.