Buch: Jonathan Franzen "Freiheit"
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Nach dem Welterfolg «Die Korrekturen» nun der neue große Roman von Jonathan Franzen über Liebe, Umwelt und Betrug.
Leseprobe
Der Pausenmix dessen Zusammenstellung
der Hauptgruppe zustand, war makellos skurril. (Das Getue, die
Gewieftheit und das Schulmeisterliche beim Zusammenstellen des Mix,
den Druck, sich in seinen Hörgewohnheiten als groovy zu erweisen,
hatte Katz als Frontmann der Hauptgruppe immer gehasst und seinen
Bandkollegen überlassen.) Roadies bauten alle möglichen Mikros und
Instrumente auf, während Walter die Conor-Oberst-Story zum Besten
gab: dass er schon mit zwölf Stück aufgenommen habe, dass er noch
immer in Omaha lebe, dass seine Band weniger eine normale Rockgruppe
als vielmehr ein Kollektiv oder eine Familie sei. Aus jedem Eingang
strömten mopsfidele Teenies leuchtenden Auges in den Saal (was für
ein beschissener, ärgerlicher, ranschmeißerischer Bandname Bright
Eyes doch ist, dachte Katz). In den Keller gerauscht war seine
Stimmung nicht aus Neid und schon gar nicht, weil er meinte, überlebt
zu sein. Es war eher eine Verzweiflung über die Zersplitterung der
Welt. Die Nation führte in zwei Ländern üble Bodenkriege, der
Planet erhitzte sich wie ein Grillofen, und hier im 9:30 stecke er
inmitten Hunderter von Teenies vom Schlage der Bananenbrot backenden
Sarah, Teenies mit niedlichen Sehnsüchten und unschuldigem Anspruch
– worauf? Auf Gefühl. Auf die verfälschte Verehrung einer
superspeziellen Band. Drauf, ein oder zwei Stunden lang an einem
Samstagabend sich selbst überlassen zu sein, um den Zynismus und den
Zorn der Älteren rituell zurückzuweisen. Offenbar hegten sie, wie
Jessica gerade bei ihrer Sitzung angedeutet hatte, keinerlei Groll.
Katz sah das an ihrer Kleidung, die nichts von der Wut und
Verdrossenheit all derer verriet, deren Teil er als junger Mensch
gewesen war. Sie kamen nicht im Zorn zusammen, sonder um zu feiern,
dass sie, als Generation, eine sanftere und respektvollere Lebensform
gefunden hatten. Eine Lebensform, die nicht zufällig eher in
Einklang mit dem Konsumieren stand. Und daher zu ihm sagte: Stirb.
Oberst, der einen taubenblauen Frack trug, betrat allein die Bühne, schnallte sich eine Akustische um und sang zwei länger Solonummern. Er war der wahre Jakob, ein junges Genie und Katz darum desto unausstehlicher. Seine „Gequälter seelenvoller Künstler“-Masche, die Maßlosigkeit, mit der seine Songs die natürlichen Grenzen des Erträglichen überschreiten ließ, seine raffinierten Verstöße gegen die Pop-Konvention: Er performte Aufrichtigkeit, und wenn die Performance drohte, die Aufrichtigkeit üLgen zu strafen, performte er sein aufrichtiges Leiden an der Schwierigkeit des Aufrichtigseins. Dann kam die übrige Band, darunter drei niedliche junge Backup-Grazien in vampigem Outfit, und es war alles in allem ein Supergig – Katz erniedrigte sich nicht so weit, das zu bestreiten. Er kam sich lediglich wie der einzige stocknüchterne Mensch in einem Raum voller Betrunkener vor, der einzige Nichtgläubige bei einem kirchlichen Erweckungsfest. Schmerzliches Heimweh nach Jersey City, dessen glaubentötenden Straßen, durchfuhr ihn. Ihm schien, als hätte er dort in seiner eigenen entlegenen Nische noch etwas zu erledigen, bevor die Welt vollends an ihr Ende kam.